Kastrationschip für Rüden


Wirr vor Liebeskummer, wütend auf andere Rüden: Ist der eigene Hund ständig so drauf, kann das beide, Mensch und Tier, ernsthaft belasten. Oft hilft gutes Training, aber nicht immer. Dann kann zum Beispiel ein Kastrations-Chip zeigen, ob tatsächlich die Hormone übermächtig sind.

Allgemeines

Rüdenbesitzer haben es oft schwerer. Nicht nur, weil sie bei gleicher Rasse oder Mix in der Regel mehr Kilogramm Hund an der Leine haben als Besitzer einer Hündin. Rüden sind tatsächlich häufig „rüder“ drauf. Woran liegt’s?

Das Sexualhormon Testosteron ist bei männlichen Hunden stärker vorhanden als bei einer Hündin. Beim Rüden wird es im Hoden produziert (bei der Hündin im Eierstock) und steuert in erster Linie die Libido.

Wenn es immer wieder Ärger gibt ...

Eine läufige Hündin ist deshalb für einen unkastrierten Rüden eine große Versuchung. Das Testosteron verleiht dem Rüden aber auch die notwendige Energie (Aggression), sich gegebenenfalls gegen andere männliche Konkurrenten durchzusetzen. Die Reizschwelle gegenüber Geschlechtsgenossen ist deshalb bei ihm oft niedriger als das bei Hündinnen der Fall ist.

Erleichtert der Hormonchip die Hundeerziehung?

Also kastrieren lassen und auf Besänftigung dank gebremster Biologie hoffen? Wer sich vor lauter Stress mit dem eigenen Rüden kaum noch raustraut oder alle paar Monate einen liebestollen Hund zu bändigen hat, stellt sich die Frage vielleicht irgendwann. Hormone sind aber nicht Alleinherrscher im Organismus.

Viele Faktoren formen das Verhalten des Hundes, angefangen von der Sozialisation über den Trainingsstatus bis zu den aktuellen Lebensumständen. Und nicht immer ist es eine übersteigerte Libido, die den Hund zum Nervenbündel macht.

Mit liebevoller, aber konsequenter Erziehung lässt sich so manches Problem auf die sanfte Tour lösen. Das berücksichtigt auch das Tierschutzgesetz. Seit 1998 schreib es vor einer Kastration (beim Rüden werden die Hoden chirurgisch entfernt) eine tierärztliche Abwägung von Nutzen und Risiko vor.

Einem Rüden, für den Hypersexualität zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität wird, hilft sie womöglich. Und auch besondere Haltungskonstellationen – das Zusammenleben mit unkastrierten Hündinnen zum Beispiel – können für eine Kastration ein nachvollziehbares Motiv sein.

Was ist der Kastrations-Chip und wie funktioniert er?


Der Chip sollte stets von einem ausbildeten Tierarzt/-ärztin gesetzt werden.

Doch ob eine OP tatsächlich das gewünschte Ergebnis bringt, ist keineswegs sicher. Immer mehr Rüden werden deshalb zunächst probeweise ihres Männlichkeitshormons beraubt, ohne chirurgischen Eingriff.

Das geht seit ein paar Jahren mit dem Suprelorin-Implantat (2,3 x 12 Millimeter), das Tierarzt oder Tierärztin dem Hund im Nackenbereich unter die Haut „spritzen“ (ähnlich wie beim Kennzeichnungs-Mikrochip). Dort gibt das Implantat regelmäßig kleine Mengen des Wirkstoffs Deslorelin in den Blutkreislauf ab, was schließlich dafür sorgt, dass im Hoden keine Geschlechtshormone mehr gebildet werden; der Rüde wird vorübergehend unfruchtbar.

Wenn der Chip an der richtigen Stelle sitzt, dauert es circa sechs Wochen, bis der Wirkstoff den kritischen Level erreicht hat. „Wann das soweit ist, erkennt man am Hoden“, erklärt der Ulmer Tierarzt Ralph Rückert, „er ist dann etwa um die Hälfte kleiner als zuvor und deutlich weicher“. Die Wartezeit bedeutet nicht nur, dass der Rüde so lange noch zeugungsfähig sein kann.

Der Hormonhaushalt des Hundes reagiert auf das Implantat anfangs mit einem Anstieg der Sexualhormone, bevor die Produktion schließlich stoppt. In den ersten zwei, drei Wochen nach dem Einsetzen reagiert der Rüde deshalb womöglich noch heftiger als bisher auf entsprechende Auslöser (läufige Hündin, männlicher Artgenosse), sogar ziemlich beste Freunde können nun plötzlich aneinandergeraten.

„Hypersexuelle Hunde werden unter Umständen erst einmal noch aktiver“, warnt die Tiermedizinerin und Hundetrainerin Anja Mack aus München, „deshalb sollten Hundebesitzer sich vor dem Setzen eines solchen Chips genau über die möglichen Folgen informieren“.

Mögliche Nebenwirkungen

Ob ein Verhaltensproblem positiv von dem Hormonstopp beeinflusst wird, zeigt sich also frühestens nach sechs Wochen. Und auch dann sei es keinesfalls so, dass das Kastrations-Implantat allein für ein harmonisches Miteinander sorge, sagen beide Hundeexperten. „Chip her und alle Probleme sind gelöst“, so funktioniert es leider nicht, dämpft Tierarzt Rückert zu große Erwartungen; konsequente Erziehung muss immer sein.

Trainerin Anja Mack von der Hundeschule Lucky Dogs schaut sich das jeweilige Mensch-Hund-Team genau an, wenn die Frage nach einer Kastration beziehungsweise Chip aufkommt, „und erst, wenn ein Training tatsächlich nichts bringt oder der Besitzer es sich nicht leisten kann, macht so ein Probelauf Sinn.“ Zeige sich dann, dass mit dem Testosteron quasi auch der „Anzünder“ für die Aggression zurückgeht, lässt sich ein gutes Training oft leichter an den Hund vermitteln.

Vielleicht ist eine Kastration im Anschluss dann nicht mehr notwendig, oder aber die Besitzer können zumindest davon ausgehen, dass der Eingriff wirklich Sinn macht.

Expertentipp von Tierarzt Ralph Rückert

Was eine Kastration tatsächlich bringt oder nicht, lässt sich mit Hilfe des Implantats immerhin simulieren und liefert damit eine bessere Entscheidungsbasis, sind sich die Experten einig.

Den Kastrations-Chip gibt es mit einer Wirkdauer von sechs oder 12 Monaten. Der Ulmer Tierarzt Ralph Rückert empfiehlt für Hunde unter zehn Kilo Körpergewicht die kürzere Version, ab zehn Kilo aufwärts darf es seiner Ansicht nach die längere Wirkdauer sein.

Das Implantat muss nicht wieder entfernt werden, es löst sich von selbst auf, wenn der Wirkstoff aufgebraucht ist.

Test erfolgreich ... dann klappt's

Quelle: Dehner Magazin 1/2017